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Kindheitsraum

Wenn ich an meinen Raum der Kindheit denke, fallen mir sofort Unmengen an Büchern ein. Mit meiner Mama war ich schon als Kleinkind immer mit in der Bibliothek der Universität. Wenn sie Hausarbeiten schreiben musste, stapelten sich bei uns im Zimmer überall Bücher.
Türme von bedrucktem Papier. Doch als ich endlich eigenständig lesen konnte eröffnete sich mir eine neue Welt, so kam es mir vor. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich lesen wann, was und wo ich wollte.

Kein Wunder also, dass ich direkt nach der Schule immer häufiger direkt zur Bücherei ging. Dort schlenderte ich umher und holte mir immer ein paar Bände um mich dann in der hintersten Ecke in ihnen zu vergraben.

Im Rücken die kalten Stangen vom Geländer, die mir aber nie unbequem vorkamen. Hinter mir Freiraum, aber kein Gang. Mir konnte also niemand über die Schulter schauen. Der Teil in dem ich befand stand auf Stelzen und wurde nur von dicken Streben an den Ecken gehalten. Er stand quasi in der Mitte des eigentlichen Raumes und erinnerte mich immer an ein überdimensionales Baumhaus. Da es sich auch noch im obersten Stock des Gebäudes befand ergänzten die Dachschrägen das aufregende Gefühl. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es ein langes, schmales Fenster das sich über die ganze Breite des Raumes zog. Dadurch dass mein Bereich keine richtigen Wände hatte, sondern nur das hohe Geländer war das Licht sehr diffus. Die Leuchten hingen auch eher im Mittelgang und hörten ab der Mitte der einzelnen Reihen auf. So saß ich stundenlang in mattem Licht zwischen den Büchern und las oder schaute mir einfach nur die Bücher an. Manchmal saß ich auch einfach nur da, streckte die Beine über den Boden und atmete.

... Das Papier, dass schon so viele anderen Menschen in den Händen hatten war weich und ab und an gab es einen Getränkefleck oder ein Eselsohr in der Ecke. Fand ich ein niegel- nagelneues Exemplar, öffnete ich es mit größter Vorsicht um nicht den Buchrücken zu knicken...

Diese Ruhe, die vereinzelten Schritte. Von denen ich hoffte dass sie nie lauter werden würden. Wenn das dann doch mal der Fall war und ein anderes Kind oder sogar ein Erwachsener in meine Reihe kam fühlte ich mich ertappt und angegriffen. Das war meine Reihe, meine Festung. Hier durfte ich, ich sein.
Die Bücher gaben mir Sicherheit, sie webten mich ein in eine andere Welt.

In dieser Welt war ich ein Teil der Geschichte.
Basel, 2015