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STOP.P.T., Der Tisch mit Eva Fuhrer/Norbert Klassen, Festival STOP.P.T. and GO, 26.11.1993.
In der Tischperformance von Norbert Klassen und Eva Fuhrer (26. November 1993, Dampfzentale Bern) steht ein Tisch mit einem Stuhl auf der Bühne. Klassen tritt herbei, betrachtet die Anlage, posiert und räumt den Stuhl weg. Was für eine Begegnung kann an einem Tisch stattfinden, wo keine Stühle stehen? Nachdem Klassen entschieden hat, wie er sich anziehen möchte, die Krawatte im Auswahlverfahren und das Jackett lieber verkehrt herum, dann wortlos und sich vor den Kopf stossend versucht, etwas in seinem Kopf zu ordnen, tritt Eva Fuhrer aus dem Publikumsraum hinzu und setzt sich auf den Tisch. Wenn ihr Auftritt zunächst Erstaunen und Entzücken bei Klassen auslöst und er sie versucht mit einer Zigarette aus der Reserve zu locken, so bricht die angehende Begegnung gleich wieder zusammen. Klassens Interesse und Faszination gilt dem aufsteigenden Rauch seiner Zigarette. Völlig davon eingenommen, legt er sich auf den Tisch und fixiert den Qualm. Fuhrer blickt etwas verdutzt ins Publikum, kaut etwas Klebriges, nimmt ein Handy aus der Tasche telefoniert kurz und knapp und lehnt sich dann an Klassen an, um verträumt ins Nichts zu blicken. Aus der anfänglichen Anonymität und Zurückhaltung gewinnt die Szene einen Hauch von Intimität und Komplizität.

Zu einem länger währenden Zusammentreffen der beiden Performer wird es während der gesamten Aufführung nicht kommen. Klassen und Fuhrer stellen ein altes, eingespieltes Paar dar, das sich gewohnt ist, dass jeder seiner Manie den Vorrang gibt und diese ernster nimmt als den eigenen Partner. Norbert Klassen ist nicht nur vom Zigarettenrauch eingenommen, sondern noch vielmehr von Zahlenreihen. Um diese Zahlengedichte besser im Kopf sammeln zu können, scheint eine Damen-Bademütze, die er während der Tischperformance immer wieder auswechselt, unabdingbar zu sein. Die Zahlenkombinationen trägt er mit Genuss vor, rhythmisiert und dramatisiert sie, oder sie werden von einem Diktaphon eingespielt. Eva Fuhrer hingegen scheint eine Bewegungsneurose zu haben. Immer wieder schaltet sie Musik ein (von einem Radiogerät, das sie mittlerweile geholt und auf den Tisch gestellt hat). Sie dreht um den Tisch herum oder schwingt mit einem der sechs Stühle, die Klassen irgendwann geholt und herangestellt hat. Zwischendurch kommt es zu flüchtigen Kontaktmomenten, die sie dann doch beide zulassen. Sie sind allerdings von kurzer Dauer und gehören scheinbar zum Repertoire ihrer Beziehung: Mann und Frau sichern sich ab, der andere ist noch immer da, ist noch immer mit seinen Dingen beschäftigt, alles ist in Ordnung. Mann oder Frau kann da weitermachen, wo er/sie eben aufgehört hat. Jeder Begegnung wohnt stets das Scheitern inne. Wenn Klassen beispielsweise für einen Moment seine Zahlen vergisst und sich Fuhrers Musik hingibt, diese Selbstvergessenheit beide zum Schmunzeln bringt und ein Spiel mit ihren Händen einleitet, so dringen plötzlich wieder diese via Diktaphon eingespielten Zahlen durch. Klassen wendet sich ab und seinen Zahlen zu. Es ist ein Spiel zwischen Mann und Frau, zwischen Zahlen und Musik, zwischen Rationalität und Sinnlichkeit. Jegliche Begegnungsversuche misslingen unweigerlich und kontinuierlich, auch wenn beide konstant nach einem Augenblick des Zusammenseins verlangen. Es ist ein Spiel, das unendlich so weiter getrieben werden könnte. Doch es endet damit, dass einer gedankenverloren und am Boden sitzend seinen Zahlen nachsinniert und die andere sich, nach einer kampfkunstartigen Tanzeinlage, auf einen Stuhl setzt und sich über den Tisch beugt.

(aus: "Rund um STOP.P.T. Nicht vom Theater zur Performance, nicht zwischen Performance und Theater – sondern sowohl Performance als auch Theater." von Simona Travaglianti, in "Norbert Klassen. Warum applaudiert ihr nicht?", S. 58-59
Dampfzentrale, Bern, 1993


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1993 Video 4:3

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