Abstract
Performancekunst stellt den Prozess, das Momenthafte, die Präsenz der menschlichen Körper in den Mittelpunkt. Der Körper im Hier und Jetzt wird zum künstlerischen Ausdrucksmittel. Das Objekthafte des Kunstwerks und dessen Beständigkeit tritt in den Hintergrund, das Werk als kommodifizierbares Objekt wird in Frage gestellt. Bedeutung generiert sich durch eine Handlung an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Institutionelle archivarische Standards sind strengen Regeln unterworfen und auf die detaillierte und unveränderte Bewahrung eines Zustandes ausgerichtet. Was tun mit einer Kunstform, die immer in Bewegung ist und deren Charakteristikum die im Moment verhaftete Beziehung zur Betrachterin/zum Betrachter darstellt? Wie soll eine Zeitspanne, ein Ort, ein Raum, in dem sich Körper bewegen und aufeinander reagieren, archiviert werden? Archive haben sich durch technische Neuerungen in den letzten Jahrzehnten in digitale Datenbanken verwandelt die nicht mehr zwingend auf haptische Dokumente oder Objekte verweisen, das Internet gilt als größtes und umfassendstes Archiv aller Zeiten. Kunstsammlungen können über die Webseite in einem digitalen Museum „besucht“ werden. Unsere Gesellschaft entwickelt sich durch die Digitalisierung immer mehr zu einer virtuellen, körperlosen Gesellschaft. Aber gerade in Bezug auf Performancekunst, deren zentraler Inhalt die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen eigenem Körper und Körper des Gegenübers ist, stellt sich die Frage ob traditionelle Überlieferungsmethoden wie Text, Bild und Objekt ausreichend sind. Auf welche Tradierungsformen können wir zurückgreifen und welche wurden verdrängt? Welche Wissensformen werden als überlieferungswürdig anerkannt, welche marginalisiert? Sollte diese Kunstform die mit der Präsenz der Körper arbeitet nicht auch durch künstlerische performative Methoden vermittelt und erforscht werden können? Und was bedeutet das für den vorherrschenden Archiv- und Wissensbegriff?
Der Beitrag wird durch eine performative Übung mit dem Titel Augenzeug_innenbericht eingeleitet, dieser wurde von Marlies Surtmann und Olivia Jaques entwickelt.