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Kirschblütenschwindel in Tokio 06

Hektor Maille landete in einem Park im Zentrum von Tokio. Um ihn herum ein Ozean aus weißen, rosigen, flamingoroten und damenstrumpffarbigen Blüten – dazwischen Männer und Frauen mit geweiteten Augen: «Sakura! Sakura!» Über allem lag der Duft eines frisch schamponierten Teppichs, wie er für Mohnsamen typisch ist.
Kirschblüten sind für Japanerinnen und Japaner keine Freude, sie sind eine Pflicht, ein absoluter Befehl der Natur, augenblicklich und total in Verzückung zu geraten und frühlingshafte Emotionen zu produzieren. Wie schmerzlich es allerdings sein kann, Glücksgefühle aus sich herauszuquetschen, wenn Körper und Seele noch ganz steif sind von den Zumutungen des Winters, hat kurz vor 900 Ariwara no Narihira beschrieben, der sagenumwoben schöne Enkel von Kaiser Heizei:
Yo no naka ni
taete sakura no
nakariseba
haru no kosoro wa
nodokekaramashi
Gäbe es
keine Kirschblüten
in dieser Welt
wie heiter und gelassen
könnte das Herz im Frühling sein*
Schade, hat die Literaturgeschichte seine Worte nicht etwas ernster genommen. Japanerinnen und Japaner sind tapfer und also strömen sie zur Kirschblütenzeit mit hochprozentiger Picknick-Ausrüstung in die Parks, um sich dort in Scharen unter einem rosigen Himmel zu betrinken und zu vergessen, wie kalt der Boden noch ist – die Abfallberge, die bei Hanami, dem «Blüten betrachten» entstehen, stellen für die Tokioter Stadtverwaltung Jahr für Jahr eine kleine logistische Sonderaufgabe dar.
Nach wenigen Schritten in dem Park drängte sich dem Blick des Geheimagenten der Ast eines Kirschbaums auf, an dem zwei Omikuji befestigt waren – zwei jener Orakel-Zettelchen, wie sie gewöhnlich nur in der Nähe von Shintō-Schreinen und buddhistischen Tempeln an den Bäumen hängen. Hektor Maille wusste sofort, dass dies eine Botschaft von Aral sein musste – auch weil Orakelsprüche ja gewissermaßen eine futurologische Währung darstellen, Geldscheinen also nicht unähnlich sind. Während das erste Zettelchen nur einen halben Segen (Han-kichi) enthielt, hatte Aral für das zweite ein Haiku verfasst, mit dem er allerdings mutmaßlich nicht in die Geschichte der «Lustigen Verse» eingehen würde:
Im Frühlingsmorgen such
wo endet Tuna’s Glück
Acht auf die Zehen
Maille wusste sofort, was gemeint war: Tsukiji, Tokios mächtiger Markt im Süden des eleganten Stadtteils Ginza. Auf diesem größten Fischmarkt der Welt, wo Thunfisch in endlosen Massen angeliefert und verarbeitet wird, rasen Gabelstapler und kleine Laster so schnell durch die engen Gassen, dass man ständig auf der Hut sein muss, damit einem kein Toyota oder Suzuki über die Füße donnert.
* Sasaki Yukitsuna: Gäbe es keine Kirschblüten… Übersetzung Eduard Klopfenstein. Stuttgart: Reclam Verlag, 2009. S. 37.
Zürich, 2008


References

Full spec

CallNumber
MK10_06
DateAdded
2026-02-19T14:05:11Z
DateModified
2026-03-21T09:00:07Z
Key
KSMJ355Q
NumberOfVolumes
20
Rights
CC BY 4.0
SeriesTitle
Mission Kaki
Volume
Episode 10