Erinnerungsraum
Titel
Erinnerungsraum
Datum
Inventarnummer
#neos-2-G-B-In3-19-SJ.ajbh8u4h
Autor/en
Abstract
Ich besitze nur ziemlich vage Erinnerungen an die Räume meiner Kindheit. Einer der wenigen, wenn nicht fast der einzige Raum, den ich mir emotional, visuell und selbst vom Geruch her wieder in Erinnerung zu rufen vermag, ist das Wohnzimmer meiner Grosseltern mütterlicher seits.

Es war immer viel zu heiss dort drin! Die Sonne schien ihr warmes Licht zur Mittagsstunde stets von der einen Seite und im Verlauf des Nachmittags von der anderen Seite in den Raum. Was immer man berührte wirbelte Staub auf und man sah die Partikel im Licht tanzen. Die Decke hing tief. So drückte der Raum, wie in einer Box, die stickige Luft von oben und von allen vier Wänden zu einem kompakten Heissluftklotz zusammen. Als würde diese stickige, abgestandene Luft seit Jahren ihre Partikel an die Wände pressen, hatten diese eine seichte, eierschalene Farbe. Als hätte sich das ursprünglich reine Weiss mit der dreckiger Luft langsam fusioniert.
Am Boden lag ein weicher Teppich, in den mein kleiner Kinderfuss mindestens zur Hälfte einsank, wenn ich drauf stand. An die Farbe mag ich mich nicht mehr genau erinnern, irgendwie ausgebleicht blau-rosa hängt er mir in der Erinnerung. Das gesamte Wohnzimmer war im 70er Jahre Stil eingerichtet, aus dem Schallplattenspieler trällerte in der Endlosschlaufe der Gummiboot-Typ. Das Regal neben dem Schallplattenspieler reichte knapp bis unter die Decke, war aus dunklem Nussholz und vollgestellt mit Vinyl und Krims Krams. Auch ein besonders interessantes Zeitzeugniss war die Stehlampe im Eck mit den gravierten Glasschirmen. Doch die Krönung der Geschmacksverstauchung war das braune Stoffsofa mit passendem Sessel dazu. Es stand an der Wand und bis heute glaube ich immer noch Kratzspuren von diesem Überzug zu haben. Es war bequem und gleichzeitig kratze und biss dieser braune Webestoff unsäglich auf der blossen Haut. Passend dazu der Sessel, der für meinen Grossvater reserviert war. Wenn er nicht da war, turnten wir darauf herum. Aber er war eigentlich immer da, ausser er war im Garten vor dem Haus. Vom Wohnzimmer aus hatte man einen Blick in den Schrebergarten. Wenn die Balkontüre offen stand, drang immer mal wieder sehr selten frische Luft in den Raum. Die frische Luft schien auch immer gleich den leichten Duft von Tomaten und Salat in den Raum mit zu tragen.

Ich weiss nicht ob der damalige Zeitgeist, geprägt vom Flower Power Stil der 70er Jahre, in mir dieses Gefühl von Frieden auslöst, wenn ich an das Wohnzimmer meiner Grosseltern denke. Es ist nicht ein Gefühl von Friede im Sinne von Sicherheit. Es gab nie eine sichere Zeit im Leben meiner Grosseltern und auch ich schien damals schon bemerkt zu haben, dass sich die Zeiten ändern und dass dieses Wohnzimmer nicht zeitlebens so weiterbestehen wird. Es ist viel mehr ein sehr warmes Gefühl, wie wenn die Grossmutter einem an ihre riesige Brust drückt und man dabei fast erstickt. Wie bei stickiger Luft.
Metadata
DateAdded 2026-10-08T09:20:58+00:00
WorkType Seminar / Modul
Event Erinnerungsraum 2019
CourseType Seminar
Key ajbh8u4h